Ein Schwan auf dem Grill

Zur Carmina Burana, Neujahr 2014, großes Festspielhaus, Salzburg

“Die hälfte seines Lebens wartet man vergebens.” Dieses Sprichwort aus dem Mund eines Kollegen bei den Tiroler Festspielen in Erl 2012 geht mir beim Gedanken an Carmina Burana als erstes durch den Kopf. Es gibt im Opern und Konzertbetrieb einige Tenor-Partien, die durch Ihre extreme Lage und besonders durch ihre Kürze zur riesigen Herausforderung werden. Dazu gehören der „Sänger“ in Strauss’ „Rosenkavalier“ und eben der Schwan in der Carmina Burana. In der Aufführung, nach knapp einer halben Stunde stillen Sitzens neben den fleißig beschäftigen Solisten-Kollegen Sopran und Bariton, neugierig betrachtet vom Publikum, das sich zur Hälfte fragt „Was macht er denn da, ausser zu sitzen?“, oder „Wie wird er es schaffen?“, steht man auf und singt knappe zwei Minuten. Beginnend in einer Lage, in der die Meisten Mozart-Partien für Tenor ihr oberes Ende haben und sich unmittelbar hinaufwindend zum hohen D, ohne eine Möglichkeit, sich irgendwie in dem ein knisterndes Grillfeuer nachempfinden Orchester verstecken zu können. Jeder „Carmina-Schwan“ kennt die Gefühle eines Skispringers auf dem Startbalken vor dem Sprung. Wenn es eine Schule für das „Leben im Jetzt“ für Tenöre gibt, dann ist es diese Partie.

Nun kann man sagen, dass Orff den Tenor absichtlich so hoch gesetzt hat, damit er recht jämmerlich klingt und sich quält. Immerhin beschreibt der Schwan in seinem Lied, wie er am Spieß gebraten und einer zähnebleckenden Meute serviert wird. Doch will niemand sich die Blöße geben, jämmerlich zu singen, also gibt man sich redlich Mühe, jeden Ton mit Glanz und Gloria zu versehen. Und wird so zum unfreiwilligen Komplizen von Orff, der sich die diese tenorale Eitelkeit zu Nutze macht und einem der Schönheit und Eleganz verfallenen, elend leidenden Wesen eine entsprechende Stimme zu verleihen vermag.

Herzlichen Dank an Elisabeth Fuchs und alle Beteiligten für zwei wunderbare Konzerte im großen Festspielhaus Salzburg.

Nachtrag: Meine liebe und wunderbare Kollegin Valda Wilson hat mich zurecht darauf aufmerksam gemacht, dass der Sopran in der Carmina eine ganze Weile länger auf Ihren ersten Einsatz warten muss, als der Schwan. In Anbetracht ihrer Anmut und Schönheit jedoch wird sich wohl niemand im Publikum Fragen über die Sinnhaftigkeit ihrer Anwesenheit auf der Bühne stellen.