Platée an der Neuköllner Oper Berlin

Premiere am 22. November 2012

In einer auseinander driftenden Gesellschaft braucht es nicht viel Vorstellungskraft, um ein zeitgemäßes Bild von selbstbezogenen, intriganten Göttern zu haben, die Ihre Macht zur Befriedigung der eigenen Gelüste benützen, statt dem großen Ganzen zu dienen und der „Erhebung der Welt“ zu einem besseren Ort verpflichtet zu sein.

Man trifft sie als Menschen an den Bars der angesagten Clubs und in von Drogenrausch und sexuellen Exzessen  triefenden Hinterzimmern moderner Luxus-Rückzugsorte.

So trifft man sie auch in der neuen Produktion der Platée nach Rameau an der Neuköllner Oper Berlin.

Robert Lehmeier inszeniert Göttergott Jupiter, seine Frau Juno, Amor, Theatergott Thespis und den Hofnarren Momos dementsprechend als einen gelangweilten Haufen jet setter zwischen Bar und Swimmingpool, die (alles schon erlebt – alles schon gemacht) lethargisch aber mit innerer Unruhe darauf warten, dass irgendjemand mit einem Einfall kommt, wie man die nächste Stunde halbwegs  unterhaltsam „herumbringen“ kann.

Das Ideale Opfer für eine solche Unterhaltung der intriganten, zynischen Art ist das verstossene Mitglied der Clique – Platée – die, noch geprägt von der emotional autistischen Gruppe, sich auf die Suche nach wahren Gefühlen begeben hat.

Das ganze ist ein komischer Spass, durchsetzt von einem scharfen analytischen Blick Lehmeiers auf die mit ihren inneren Zuständen konfrontierten zynischen Protagonisten.

Das gibt auch die Rameaus phantastische Musik vor. Wild und abrupt wechselnd zwischen den intimsten Melodien von anmutiger Schönheit und von Tanzrhythmus gepeitschten Passagen, macht Rameau keinen Hehl aus seinen Begabungen zur psychologischen Analyse der Figuren und zur  musikalischen Dramaturgie.

Mal fällt Thespis in vergnügtes oder der ganze Chor in höhnisches Lachen um gleich wieder mit  „falscher“ Inbrunst zu singen, mal kommentiert die Geigenstimme Platées ernste Seufzer mit ironischen Verzierungen. Charmante Übertreibungen wechseln mit liebevollen Preziosen und blanker Spass mit großer Ernsthaftigkeit.

Meiner Partie des Thespis und Merkur in Personalunion kommt die Rolle des Entwicklers der heimtückischen Idee zu, Platée bloßzustellen. Wie ein böser Geist huscht er dann mit Momus  durch die Handlung um die Intrige am laufen zu halten. Angesteckt von den unverhohlen direkten, echten Gefühlen Platées entdeckt er jedoch ganz neue Seiten an sich; emotionale Zustände, die er nicht gewohnt und mit deren Umgang er schließlich überfordert ist…

Merkur, und mehr noch Thespis sind in einer einzigartigen Lage geschrieben. Das Fach ist in Frankreich als „Haut Contre Ténor“ bekannt und bewegt sich über lange Strecken auf und über dem sängerischen Passagio des Tenors, ähnlich wie Mozarts Ferrando in Cosi fan tutte und der Schwan in Orffs Carmina Burana. Daraus erklären sich auch die besonderen Herausforderungen beim Singen. Absolute Sicherheit beim Übergang von der Brust- zur Kopfstimme ist die Vorraussetzung für die Bewältigung der anspruchsvollen Partie.

Und Spielfreude muss sein, schließlich ist das Stück zum Spielen in einem lebendigen, ausdrucksstarken Ensemble wie gemacht.

Die Vorstellungen laufen bis 6. Januar 2013 an der Neuköllner Oper Berlin.

Viel Vergnügen!