Vom Übermenschlichen.

In den Vorbereitungen auf meine nächste Rolle erwische ich mich immer wieder beim Versuch, Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ auf ein menschliches, von mir begreifbares Maß herunterzubrechen. Ich suche nach Erklärungen für den Geisterspuk und die Teufelserscheinung in den Drogen, die Kaspar dem Max einflößt, versuche, Agathes ideale Liebe mit Naivität zu erklären und Max’s Schicksalsergebenheit mit einer Mischung aus Überforderung und Ängstlichkeit in Anbetracht der in ihn gesetzten Erwartungen.Dabei bietet Weber mit seiner „volksliedhaften Klarheit“* und „kompromisslos das Stilmittel der Übertreibung einsetzend“* die geradezu einmalige Chance, gerade dieses vom Intellekt gesteuerte Verhalten über Bord zu werfen. Wie meisterhaft hat Weber es verstanden, jeden einzelnen Zuhörer „abzuholen“ und auf die Höhe seiner Kunst mitzunehmen, ihm mit Kinderaugen die menschliche Seele mit ihren Idealen und ihren Abgründen zu zeigen – in einer Welt, in der das Existenzielle in allen Fragen des Lebens klar zum Vorschein tritt und dabei kleingeistige psychologische Überlegungen verdrängt.

So ergibt sich für den Gesang und die Darstellung nur eine Möglichkeit: Vertrauen zu setzen in den Text und in die Musik. Vertrauen zu setzen auch in die Intentionen des Komponisten. Die Worte und die Melodien so klar und deutlich zu sprechen und zu musizieren, wie sie geschrieben sind, und zuzusehen, wie das Kind in einem selbst den Zugang zum tieferen Sinn dieser Oper eröffnet. Auf diesem Fundament aufbauend kann man beginnen, „seinen“ Freischütz zu erzählen, und wird dessen Kern dabei nie verlieren: das Ideal vom Guten im Menschen und die stetige Suche danach.

*zit. Wilhelm Furtwängler